Schnuppe von Gwinner

Tänzerin wäre sie gerne geworden, sinniert Sonngard Marcks.

Wir kennen sie als die Schöpferin kostbarer keramischer Gefäße in einem traditionell anmutendem Look, mit dem ab und zu die Fantasie durchgegangen ist. Da schiebt sich die Tülle einer Teekanne wie ein Teleskop hinaus, der Griff einer Mokkatasse mündet in der prallen Frucht einer Kirsche und der Deckel einer Dose könnte sich jeden Moment zu einer Tulpenblüte entblättern. Doch das ist noch nicht alles. Diese formalen Eskapaden verbünden sich mit eigenwilliger Fayencemalerei die, ebenso poetisch wie naturgetreu, das in der Form Angelegte erst vervollkommnet. Ihre pittoresken und formal hin und wieder, im amüsanten Sinne, überkandidelten Dosen, Tassen, Teller, Vasen, Gefäße und Früchte aller Art sind stilistisch unverkennbar. Sie sind das Ergebnis einer äußerst zeitintensiven Beschäftigung und der intensiven Lust, möglichst viele künstlerische Ausdrucksmittel gleichzeitig in den Objekten sichtbar zu machen.

Ihre Vorbilder findet sie in der Natur und auf dem Marktstand einer Ökobäuerin, deren Kisten sie regelmässig nach den schönsten Früchten der Saison durchsucht. Besonders müssen diese sein, sich durch leichte Unvollkommenheiten, einen unorthodoxen Keim, eine kleine Faulstelle oder etwas Wurmfrass auszeichnen. Die präzisen Portraits ihrer Eroberungen interessieren sie, das Kostbare und Delikate mit dem sie ihre Wertschätzung gegenüber der Natur ausdrückt und den Betrachter damit auf Entdeckungstour schickt, ihn Aufmerksamkeit lehrt. Sicher auch Respekt. Vor den Geschenken der Natur und vor ihrer Kunst, diese eigenwillig in Szene zu setzen. Und nicht zuletzt rückt sie die alte, zauberhafte Fayence-Technik wieder in den Fokus.

Mit Umsicht und beherztem Schwung plant und realisiert sie ihre Werke. Am Anfang stehen die Gefässe aus rotem Ton, die sie selbst, das finale Ergebnis ahnend, dreht und modelliert. Varianten von Kannen und Tellern, mal klassische, mal skulpturale Formen, die sie später als Malfläche interessieren. Der grosse Teller entwickelt sich in dieser Hinsicht immer mehr zu ihrem Favorit. Nach einem ersten Brand werden die Gefässe in eine Glasur getaucht, deren geheimnisvolle Mischung aus Sand, Zinnoxid, Pottasche und Wasser den idealen Malgrund für die Keramiken ergibt. Es erfordert jedoch sehr viel Übung darauf zu malen, denn jeder Strich muss „sitzen“ da es keine rechte Korrekturmöglichkeit gibt. Der abschliessende Brand verschmilzt die Malerei mit dem Untergrund und verleiht der Fayence ihre charakteristische, strahlende Farbigkeit. Das stundenlange Malen ist, wie sie sagt, ihre liebste Beschäftigung. Konzentriert und ungestört ein Thema zu verfolgen, dem Motiv mehr als nur das Dekorative abverlangen und es in ideale Korrespondenz zur gewählten Form setzen.

Sonngard Marcks geniesst den Gegensatz und die Abwechslung, zwischen dem Raum greifenden Arbeiten an der Drehscheibe und in der Fläche, auf die sie im Anschluss malt. Die dialektische Beziehung zwischen den verschiedenen Arbeitsgebieten inspiriert sie sehr.
Als Ausgangspunkt dienen ihr Zeichnungen, Ideen, skurrile Geschichten und das Naturstudium, seit Jahrzehnten in Skizzenbüchern gesammelt. Fleissig und diszipliniert, wie sie selber sagt, „denn das muss sitzen wie eine Vokabel. Mit einer Linie Volumen erfassen und beschreiben, wie eine Pflanze `tickt´, welche Struktur und Sinnlichkeit sie ausmacht.“ Die Systematik von Blumen und Gewächsen, die Verwandtschaften natürlicher, gewachsener Formen sind subtil aber offensichtlich. Alles gibt es schon aber jeder muss seine Variante finden. Sonngard Marcks das Subtile, Feinsinnige. Ihre früheren Bücher beschreibt sie eher als Sammelsurium und freut sich, dass sie über die Jahre strukturierter geworden sind. „Heute ist mir viel klarer, was ich über die Zeichnung suche, wie ich etwas aufzeichne und entdecke. Es ist ein Prozess, eine Entwicklung in deren Verlauf sich die Wahrnehmung verändert – in den Skizzenbüchern und in den Objekten, chronologisch vom Zeichenhaften zum Naturalistischen.“

Gelernt, und zwischendurch auch mal wieder etwas „vergessen“, hat Sonngard Marcks ihre Kunst an der renommierten „Burg“. Von 1979 bis 1984 studierte sie dort, an der Hochschule für industrielle Formgestaltung Burg Giebichenstein in Halle, bei den renommierten Professoren Gertraud Möhwald und Martin Wetzel, sowie Heidi Manthey und Lothar Sell. Die Zeit und die Umstände ihrer Ausbildung, sowie die Beziehung zu ihren Lehrern, hat sie zutiefst geprägt. Es war eher der Zufall der ihr das Studium an der Burg ermöglichte, denn die Option eines künstlerischen Werdegangs schien ihr nicht in die Wiege gelegt. Es wurde zur Konfrontation mit einer faszinierenden neuen Welt. An der Oberschule erkannte man ihr zeichnerisches Talent, das in Vorbereitungskursen an der Burg gefördert wurde, zu der sie schliesslich die Aufnahmeprüfung bestand.
Die handwerklichen Grundlagen erwarb sie während einer Töpferlehre im thüringischen Bürgel. Als Achtzehnjährige begeisterte sie sich für die handwerkliche Arbeit, denn sie bedeutete, sich auf eine andere Art zu bewähren, nicht intellektuell wie in der Schule. Handwerk bedeutete erst einmal reine Technik, nicht über den Kopf sondern über die Hände. Ein Praktikum bei dem Glasurmeister Walter Gebauer beschreibt sie voller Enthusiasmus, denn sie habe dort jeden Tag wirklich etwas gelernt. Sie bestand ihre Gesellenprüfung mit der Note 1.

Ihre Lehrer beschreibt sie als menschliche und künstlerische Vorbilder. Diszipliniert aber auch ökonomisch unbeschwert durfte man behutsam wachsen. Die Burg war eine Oase weil sie vergleichsweise wenig ideologisch geprägt war. Grundlegende gestalterische Themen wurden ganze Semester lang erörtert. „Damals wurde immer alles erst einmal in Frage gestellt. Das Studium war auch quälend, ganz besonders das Naturstudium, das Proportionen lernen – ich weiss nicht wie man das schafft wenn man das nicht gelernt hat. Kriterien zu kapieren ist wichtig. Heute mag das altmodisch erscheinen, aber es ging darum heraus zu finden, was plastisch wichtig ist, nichts zu überfrachten und zu erkennen ob es stimmt!“

In die Technik der Fayence-Malerei wurde Sonngard Marcks an der Burg von Heidi Manthey eingewiesen. Die Fayence war zu der Zeit sehr besetzt und so entschied sie, nach dem Diplom 1984 aus Halle weg zu gehen um mehr für sich zu sein. Nach einigen Stationen und Phasen kam sie eigentlich erst im Jahr 2000 wieder von der Engoben- auf die Fayencemalerei zurück, angeregt durch eine Ausschreibung zu einer Fayence-Ausstellung, für die sie einen Zitronenteller machte.
Auch ein Projekt an der Porzellanmanufaktur Meissen suchte durch die Zusammenarbeit mit Künstlern neue Impulse. Da gab es wieder „weissen Grund“ , für sie der Auslöser zur Hinwendung zum Floralen, erst stilisierter und dann in immer präziseren, naturgetreuen Zeichnungen. Ihr Erfolg liess sich nun nicht mehr aufhalten. Die Liste Ihrer Auszeichnungen wuchs in den letzten Jahren zu eindrucksvoller Länge und beinhaltet auch den bayerischen Staatspreis sowie den Dießener Keramikpreis. Die Begeisterung einer wachsenden Anhängerschaft ist ungebrochen und ihre Objekte sind Teil vieler bedeutender Museums- und Privatsammlungen.

onngard Marcks liebt Themen: Ausstellungen, Aufträge, Anstösse greift sie dankbar auf und verfolgt sie mit grosser Ernsthaftigkeit, interpretiert sie in ihrer künstlerischen Sprache.Sie schenkt ihren keramischen Werken allen dekorativen, formalen wie malerischen Reichtum an Fantasie, den sie besitzt und deren Reservoir offensichtlich unerschöpflich ist. Ihre Energie, Zielstrebigkeit und Perfektion gleicht der einer Tänzerin, die auf den Punkt genau ihr Werk vollendet. Wir können uns glücklich schätzen, dass sie mit Drehscheibe und Pinsel für uns tanzt!So gerät die Hommage an eine schön knollige Kartoffel schon mal zur ausladenden Schale, für die unsere Bewunderung nicht schon mit dem Szenenapplaus enden muss.

© Schnuppe von Gwinner, Februar 2011 - publiziert in Kunsthandwerk&Design 2/2011


Sonngard Marcks stellt Ihre Arbeiten alljährlich auf dem idyllischen Diessener Töpfermarkt und auf der Grassimesse in Leipzig aus.