Schnuppe von Gwinner

In der 3. Ausgabe des Magazins "Objects - Journal of Applied Arts" heißt mein Thema:

Zwischen Sockel und Spülmaschine – ein keramischer Spagat

Die traditionsreiche europäische Porzellanindustrie geht in die Knie, kämpft seit Jahren glücklos um ihr Überleben. Selbst die weltweit bekanntesten Marken wie Wedgwood, mit Rosenthal im Schlepptau, gleichen sinkenden Sternen. Mit Klasse statt Masse, durchaus im Trend der Zeit, ködert man offensichtlich keine Shareholder sondern nur qualitätsorientierte Individualisten. Derweil feiert eine wachsende Szene künstlerisch-kreativer Solisten mit ihren konzeptionell vielschichtigen Keramiken glamouröse Erfolge auf den internationalen Designschauen und Kulturevents.

Doch auch die Porzellanindustrie ist wachsam, durchaus fantasievoll und innovationsbereit. Sie spannt die angesagtesten Designer vor ihren Karren, lässt den Gourmet seine Suppe um ruhende Rehlein (Nymphenburg/ Hella Jongerius) auslöffeln, bietet gefühlvolles Kuschelgeschirr (Kahla/“touch“/ Barbara Schmidt) und verkündet wortreich funktionelle und/oder ästhetische Neuigkeiten, die sich an klar definierte Zielgruppen richten. Doch im Überfluss des Überflüssigen herrscht schwere See und es lässt sich so schwer navigieren, weil keiner so genau weiß wo die Reise hingeht. Die Schränke sind voll, die Verbindlichkeit von Moden und Stilformen ist aufgehoben. Globale Dynamik herrscht allgegenwärtig und produziert Beliebigkeit, die keine Spielregeln mehr kennt. Eine Entwicklung die auch den Hintergrund des aktuellen keramischen Design- und Kunstbetriebes bestimmt.

Und das, was der eben berufene Professor für Keramik an der Burg Giebichenstein in Halle, Martin Neubert so lapidar ausdrückt: „ Ja, es gibt diese Entwicklung, dass das Design unikater wird“, wirft darüber hinaus ein Schlaglicht auf ein permanentes Problem im Kontext keramischer Disziplinen: die zunehmende Durchdringung der Bereiche Design – Kunsthandwerk – freier Kunst. „Wo Keramik als Kunst- oder Handwerkskategorie verstanden wird, öffnen sich von Klischees verstopfte Schubladen und lassen in heute ungeordnete historisierende Abgründe unproduktiver Wertesysteme schauen. Hierarchien zwischen Gattungen verhindern die wesentliche Bewertung der Arbeit nach Qualitätskriterien im gesuchten gesellschaftlichen Kontext.“ So bringt es Martin Neuberts Vorgängerin Prof. em. Antje Scharfe auf den Punkt. Tatsächlich werden die Grenzen zwischen Gebrauchsgegenstand und Kunstobjekt heute zunehmend aufgehoben. Designer wie Künstler suchen die Nähe zur Disziplin des jeweils anderen und, so absurd es klingen mag, bemühen sich dabei intensiv um Abgrenzung voneinander.

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