Schnuppe von Gwinner

In der 6. Ausgabe des Magazins "Objects - the Journal of Applied Arts" heißt mein Thema:

Crafts - eine Wortklauberei

Erst die Trendgurus und dann die Magazine lassen uns glauben, dass die Grenzen zwischen Kunst, Design und Kunsthandwerk zusehends verschmelzen, als wären ihre ganzen Protagonisten nun dicke Freunde geworden. Bei genauerer Betrachtung offenbart sich, dass für den Hausgebrauch das englische Wort „crafts“ der stets bemühte Abstandhalter geworden ist. Und, dass die Gräben zwischen dem Trend „craft“ und dem authentischen, eher unaufgeregt und zurückgezogen agierenden Kunsthandwerk kaum größer sein könnten.

Das Wort „Kunsthandwerk“ ist in seinem allgemeinen Verständnis irgendwo zwischen Erzgebirgsengel und handbemalter Meissner Porzellanfigur angesiedelt. Es kann für eine selbstgehäkelte Kindermütze, die über DaWanda vertickert wird, ebenso passen wie z.B. für ein erlesenes Objekt des internationalen Shootingstars zeitgenössischer Silberschmiedekunst Hiroshi Suzuki, das nur für Höchstpreise auf dem Kunstmarkt zu haben  ist. Mehr zwischen alle Stühle geht nicht.

Also hat man schon die englische Notbremse gezogen und wirbt mit eindrucksvollen Alternativbegriffen. Geboren werden diese zuerst auf den internationalen Messen. Zum Beispiel seit 2004 die alljährlich im Mai abgehaltene Messe „Collect – the International Art Fair for Contemporary Objects“ in der Saatchi Gallery London.

Diese Sammlermesse hat sich auf einem beeindruckenden Niveau etabliert, obwohl sie stark auf authentische Kunstfertigkeit und damit auch auf die leisen Töne in der Handwerkskunst setzt. Mutig, edel und genau richtig für die wahren Connaisseure ist sie die europäische Antwort auf die vergleichsweise uralt eingesessene und sehr amerikanische „SOFAexpo - The World's Foremost Fairs of Contemporary Decorative Arts & Design“ in New York, Santa Fee und Chicago.
Die glamouröse „Design Miami - The Global Forum For Design“ rückt den Event, die Namen und schrilles Unikatdesign in den Vordergrund. Hier wird viel von Authentizität, neuen Werten und „ limited edition pieces by cutting-edge contemporary designers“ geredet und geschrieben. Das will ganz sicher nichts mit einer vernarbten Hobelbank zu tun haben, sondern ist effektives Marketing. Leider humpelt dieses inzwischen arg, wenn man den enttäuschten Berichten von der jüngsten Ausgabe im Juni 2013 in der neuen Messehalle von Herzog & de Meuron in Basel glauben darf. Die ausstellenden Galeristen vertrauten überwiegend auf den Markt für Vintage Design – das Neue machte sich rar. Vielleicht ist ihm die Puste ausgegangen?

Die kleine Konkurrenz „Object - international fair for autonomous design“ in Rotterdam versucht seit einigen Jahren, vorerst noch überwiegend in Holzschuhen (d.h. mit überwiegend niederländischen Protagonisten) mitzulaufen. Doch selbstbewusst beschreibt sie sich selbst bereits als die erste Messe der Welt, die exklusiv die aktuelle Entwicklung im autonomen Design beleuchtet. Das geht natürlich, weil ein neuer Begriff kreiirt und  bemüht wird. Und man gönnt es der niederländischen Designszene durchaus, da sie unbestritten der Spiritus rector einer internationalen Bewegung ist, der wir das unkonventionelle, geistreiche Objektdesign seit „Droog“  in den frühen 90er Jahren verdanken. Die Wiegen der Wiederbelebung von Gebrauchtem und der Renaissance des „crafts-Gedankens“ stehen z.B. in Amsterdam, Rotterdam und Eindhoven, von humorvoll einfallslustigen Niederländern erfolgreich geschaukelt. Auch die international hoch wirksame Trend-Prophetin Lidewij Edelkoort beschwört schon seit über einem Jahrzehnt die zunehmende Wertschätzung des „crafts“ und „folks“ im Design.

Warum suchen alle so verzweifelt nach spektakulärer Begrifflichkeit für den Zusammenhang von Autorendesign bis Handwerkskunst?

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